Die freie Marktwirtschaft kann und muss sich neu definieren

Dr.rer.pol. Heinrich Anker

Unternehmenswelt unter Legitimationsdruck

Unsere Unternehmenswelt steht unter Druck: Mehr und mehr wird sie in Verbindung gebracht mit Problemen in der Wirtschaft selber, im gesellschaftlichen Bereich und in Umweltfragen, und immer häufiger wird von der Privatisierung der Gewinne bei gleichzeitiger Sozialisierung der Risiken und Verluste gesprochen – die Wirtschaft hat ein Glaubwürdigkeitsproblem und steht unter hohem Legi­timationsdruck. Dies macht ihr das Leben schwer.

Dazu trägt die Unternehmenswelt einen beträchtlichen Teil selber bei, insbesondere diejenigen Un­ternehmen, welche mit jenem engen Begriff von Wertschöpfung operieren, welcher in den letzten zwei, drei Jahrzehnten entstanden ist: Er beschränkt sich auf die kurzfristige Gewinnmaximierung des Unternehmens – dabei bleiben wichtige Faktoren des langfristigen Erfolgs ausgeblendet: die dauer­hafte Zufriedenheit und Bindung der Kunden, die nachhaltige Motivation und Bindung der Mitarbei­tenden, die Erhaltung derjenigen natürlichen Ressourcen, welche für die betreffenden Unternehmen selber lebenswichtig sind, die Leistungsfähigkeit der Lieferanten und die Interessen und Bedürfnisse von Standorten, an welchen Unternehmen produzieren und verkaufen, etc.

Unter dem Eindruck eines verengten Verständnisses von Wertschöpfung entstand immer mehr der Irrglaube, wirtschaftlicher Erfolg, Ethik und sozialer Fortschritt seien unvereinbar. Will die Unterneh­menswelt jedoch wieder Vertrauen und Legitimität zurückgewinnen und sich auf diese Weise wieder ein Umfeld schaffen, in welcher sie zu lang anhaltender Prosperität finden kann, muss sie selber Wirtschaft und Gesellschaft zusammen bringen. Viele kluge und umsichtige Führungskräfte in Unter­nehmen und Wirtschaft wissen dies. Es fehlten jedoch bislang umfassende Konzepte, wie sich dieses Ziel erreichen lässt.

 

Geteilter Nutzen ist nicht halber, sondern doppelter Nutzen

Ein Ansatzpunkt ist eine moderne, zeitgemässe Motivationstheorie anstelle der heute nach wie vor die Standard-Theorie der Ökonomik dominierenden Motivationstheorie der Eigennutzenmaximie­rung: Seit nunmehr gut 150 Jahren wird das ökonomische Denken und Handeln vom Dogma geleitet, das ultimative Mo­tiv menschlichen Handelns sei das di­rekte Streben nach dem grössten persönlichen Glück bzw – in der Wirtschaftswelt – das Streben nach dem grösstmöglichen eigenen Nutzen. Wenn die Menschen sich daran hielten, so die Hypothese, trügen sie bei zum grössten Glück bzw. zum grössten Nutzen der grössten Zahl – dieses Dogma wurde zu einem moralischen Imperativ für Men­schen und Unter­nehmen.

Allein, diese Motivationstheorie ist falsch. Drôle d’histoire: Ihr Begründer, John Stuart Mill, hat sie in seinem Todesjahr (1873) selber widerrufen. Er schrieb: „Frage dich, ob du glücklich bist, und du hörst auf, es zu sein.“ Anders gesagt: Wer dem Glück nachjagt, dem rennt es davon! Die utilitaristi­sche Motivationstheorie funktioniert nicht – sie führt ins Leere, sowohl Menschen wie Unternehmen.

Die sinnzentrierte Psychologie einerseits, eine wachsende Zahl von Erkenntnissen insbesondere auf dem Gebiet der Neurobiologie anderseits zeigen klar, dass das, was die Menschen am fundamentals­ten um­treibt, ihr schier unstillbarer Durst nach Einsicht in den Sinn ihres Tuns bzw. ihrer Aufgaben ist und menschliche Wertschätzung (als Quelle des Sinns ihres Daseins). Die Devise lautet demnach: Wer Leistung for­dert, muss den Menschen Sinn und Wertschät­zung bieten! Wo dies der Fall ist, sind die Mitarbeiten­den in der Lage und gewillt, über sich selber hinaus zu wachsen und ihr Bestes zu geben. Dies ist für sie ein Grund zum Glücklichsein, und so kann sich das Glück auch einstellen bzw. erfolgen.

Sinn finden Menschen in ihrem Tun und Handeln dann, wenn es nicht (eigennütziger) Selbstzweck ist, sondern wenn sie sich in den Dienst anderer Menschen – Kunden, Mitarbeitende, Vorgesetzte, die eigenen Kinder, die Partnerin, der Partner etc. – stellen oder wenn sie Aufgaben erfüllen können, die für einen grösseren Kreis von Menschen wichtig sind. Auf diese Weise erfahren Menschen, dass sie „gut für jemand“ oder „gut für etwas“ sind, dass sie als Individuum anerkannt werden und einen Platz in der Welt haben.

 

Was Unternehmen nützt, nützt der Gesellschaft und umgekehrt

Ein weiterer wichtiger konzeptioneller Schritt ist der Gedanke der Balance zwischen ökonomischer Wert- und gesellschaftlicher Werteschöpfung und ihrer synergetischen Beziehung: Je mehr sich Un­ter­nehmen ihrer­seits in den Dienst von Kunden und Gesellschaft stellen (statt bloss eigennützige Ziele wie etwa die Gewinnmaximierung zu verfolgen), desto mehr erweitern sie den Sinnhorizont der Mit­arbeitenden – und entsprechend verstärkt sich ihre Motivation: Sie erkennen, dass sie dank ihres Unternehmens für Kunden und Gesellschaft Positi­ves bewirken, unsere gemeinsame Welt aktiv und mitverantwortlich mitgestalten können. Menschliche Arbeit erfährt auf diese Weise eine fundamen­tale Rehumanisie­rung, und entsprechend steigt die Leistungsfähigkeit der Unternehmen: „Meine Ziele, deine Ziele, Firmenziele – endlich stimmt die Gleichung!“ (Gertrud Höhler).

Der zweite wichtige Aspekt einer synergetischen Balance zwischen ökonomischer Wert- und gesell­schaftlicher Werte­schöpfung: Es macht für Unternehmen weit über die Motivationsfrage hinaus ökonomisch Sinn, ihre Geschäftstätigkeit so zu gestalten, dass sie damit auch einen Beitrag zum Wohl derjenigen Gesell­schaften leisten, in denen sie tätig sind: Die Kooperation mit Bildungsinstitutionen oder eigene Aus­bildungsangebote bedeutet qualifizierte Arbeitskräfte; eine Beschäftigungspolitik, welche Entlassun­gen nur als ultima ratio versteht und nicht bloss als Mittel der kurzfristigen Kosten­reduktion, bewahrt Know how und die Loyalität der Mitarbeitenden und oft auch diejenige der Kun­den; fair entlohnte Bürger mit positiven Zukunftserwartungen sind gute Kunden; Lieferanten, denen es gut geht und die über viel Know how verfügen, liefern qualitativ hochstehende Produkte und sind verlässlich; gute direkte Beziehungen zu Rohstofflieferanten machen unabhängig von Spekulations­blasen; eine kluge Beschaffungs- oder Standortpolitik reduziert die Transportkosten und schont die Umwelt; eine res­ourcenschonende Produktion, Verpackungstechnologie und Lagerung verringern auf die Dauer ebenfalls die Kosten und nützen der Umwelt; eine intakte Umwelt ist nicht nur im Inte­resse von Kun­den, Mitarbeitenden und ihren Angehörigen, sie ist auch die Quelle lebenswichtiger Ressourcen für viele Unternehmen. Auf der Grundlage dieses Ansatzes finden Unternehmen viele Möglichkeiten zu ihrer Differenzierung im Markt.

Drittens geniessen gesellschaftlich verantwortliche Unternehmen eine hohe Reputation und das Vertrauen und die Loyalität von Kunden, Mitarbeitenden, Anteilseignern Medien, Öffentlichkeit, Kre­ditgebern, Be­hörden und Politik – alles Res­sourcen, welche Unternehmen ebenfalls zu lang anhal­tender Prosperi­tät verhelfen und welche eigennutzenorientierten Firmen unzugänglich bleiben.

Ein interessantes Beispiel bietet das Unternehmen Ricola: Die Kräuter für die in der ganzen Welt bekannten Bonbons stammen aus biolo­gi­schem Anbau – Ricola tut etwas für eine intakte Umwelt und leistet damit  etwas substanziell Positives für unsere Gesell­schaft. Dank ebendiesem biologischen Anbau sind die Bonbons besonders aromatisch, und die Kun­den sind bereit, gutes Geld für ihren Genuss zu bezahlen – Ricola hat eine starke Position im Markt. Der Beitrag an eine intakte Umwelt motiviert und bindet nicht nur die Mitarbeitenden, gleichzeitig geniesst Ricola deswegen hohe gesellschaftliche Reputa­tion.

Unternehmen dieser Art werden durch die Gesellschaft reichlich belohnt: Sie sind als Arbeitgeber sehr gefragt – sie können unter den besten Mitar­beitenden auswählen, sie geniessen dank eines guten Rufes viel Vertrauen bei Kreditgebern und Behörden, aber auch in der Öffentlichkeit (so wurde z.B. der VR-Präsident von Ricola 2011 mit dem Swiss Award geehrt – nur eine von verschiedenen Aus­zeichnungen für dieses Unternehmen), die Kunden sind loyal, die Marke stark und ertragskräftig und die Mitarbeiten­den bereit, für ihr Unternehmen und seine Kunden ihr Bestes zu geben.

 

Unternehmen und Gesellschaft – in der langen Frist eine Schicksalsgemeinschaft

Der Zustand von Unternehmen ist auf Dauer vom Zustand der Gesellschaft nicht zu trennen – es macht für Unternehmen Sinn, sich für das Wohlergehen derjenigen Gesellschaften, in denen sie ope­rieren, zu engagieren, letztlich auch in ihrem ganz eigenen Interesse – aber nicht im Zeichen der Ei­gennutzenmaximierung: Die freie Marktwirtschaft muss und kann sich jenseits der Eigennützigkeit neu definieren – in der synergetischen Balance von ökonomischer Wert- und gesellschaftlicher Wer­teschöpfung; dies zum Nutzen von Kunden, Mitarbeitenden, Gesellschaft und Anteilseignern.

 

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Über businessculture

Mitgründer und Co-Leiter Management Zentrum Zug GmbH (Schweiz), Autor "Balanced Valuecard. Leistung statt Egoismus", Bern, 2010
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