„Die Gesetze des Marktes zwingen uns…“

English: William Wilberforce

English: William Wilberforce (Photo credit: Wikipedia)

Dr. Heinrich Anker, Tageszeitung DER BUND, Bern, Donnerstag, 7. Juni 2012

„Der Markt“ – unser Schicksal oder unsere Verantwortung?

Das Mantra des scheidenden Verwaltungsratspräsidenten einer der beiden ganz grossen Schweizer Banken zum Thema der alle Masse sprengenden Boni der Investmentbanker klingt uns noch deutlich in den Ohren: „Der Markt zwingt uns, wir können nicht anders“, „Wenn nicht wir ihnen die verlangten Boni bezahlen, tun es die andern!“ – die Sprache der Ohnmacht gegenüber vermeintlich unumstösslichen Marktgesetzen. Sind wir Menschen dem Markt gegenüber tatsächlich machtlos, sind wir ihm wirklich wehrlos ausgeliefert? Es gibt eindrückliche Gegenbeispiele. Ein ganz besonderes schulden wir William Wilberforce (1759 – 1833). Er war Abgeordneter des briti­schen Unter­hauses. 1807, nach 18 Jahren Kampag­nen und Kampf, folgte ihm das Parlament und stimmte dem Gesetz gegen den Sklavenhan­del im British Empire zu – Sklavenhändler wur­den ab diesem Zeitpunkt gleich behandelt wie Piraten… Nach der Abschaffung des Skla­ven­handels setzte er sich für die Beseitigung der Sklaverei überhaupt ein. Er starb 1833, drei Tage, nachdem die Sklaverei in Großbritannien abgeschafft wurde. Damit gelang es ihm, mit einigen Gleichgesinnten einen Wirtschafts­sek­tor stillzulegen, der damals volkswirtschaftlich eine ähnliche Bedeutung hatte wie der Rüs­tungssektor in den USA heute.

Märkte sind nicht das Werk der Natur

William Wilberforce wird von seinen Gegnern dieselben Argumente zu hören bekommen haben, wie wir sie von den Vertretern der eigennützigen Marktlogik immer wieder hören kön­nen: „Wenn nicht wir es tun, tun es die andern!“, „Die Gesetze des Marktes zwingen uns dazu, eine Abkehr davon können wir uns nicht leisten!“ – dies tönt, als handle es sich bei den Gesetzen des Marktes um Naturgesetze, über deren Sachzwänge wir uns nicht hinweg­set­zen können. William Wilberforce sah dies anders – glücklicherweise, denn sonst gäbe es die Sklaverei möglicherweise noch heute.

Es ist höchst interessant, dass einer der hervorragendsten Management-Lehrer überhaupt, Peter F. Drucker (1909 – 2005), in den Marktkräften ebenfalls alles andere als Naturgesetze am Werk sah:

„Märkte sind nicht das Werk von Gott, der Natur oder ökonomi­scher Kräfte, sondern dasjenige von Ge­schäftsleuten.”

Dadurch hat Peter F. Drucker den freien Willen in der Wirt­schaftswelt gerettet – und damit auch die (Mit-)Verantwortung von uns allen am Wirtschafts­geschehen. Anders gesagt: Was die eigennützige Wirtschaftslehre als vermeintlich naturge­setzliche Sach­zwänge darstellt, sind bloss Denkzwänge innerhalb ihres eignen Systems, welche uns unserer Ge­staltungs­freiheit und Verant­wortung für das Wirtschaftsgeschehen entheben. (Ähnlichen Denkzwän­gen un­terliegen auch jene, welche sich auf historische Gesetzmässigkeiten berufen.)

Computer-Systeme herrschen

Die Errungenschaften der Freiheit und Verantwortung in der Wirtschaftswelt stehen wach­senden Gefahren gegenüber: Solange einflussreiche Exponenten der Wirtschafts- und Un­ternehmenswelt ihre Freiheit und Verantwortung vermeintlich naturgesetzlichen Regeln op­fern, können sie ihre Entscheide genauso gut Computern delegieren. Tatsächlich werden denn auch immer mehr Geschäfte aufgrund geringster Kurs- und Preisdifferenzen durch Computersysteme getätigt – schon heute innert weniger Tausendstel-Sekunden, und die Reaktionsgeschwin­digkeit dieser Com­puter tendiert gegen Null. Die neoliberale Vision eines in real time, in Echtzeit, funktionieren­den globalen Wirtschaftssystems, in welchem alle gleichzeitig über dieselben In­formationen verfügen und perfekter Wettbewerb herrscht, taucht am Horizont des Finanz­sektors (der heute auch den Realsektor bestimmt) auf.

Ein Wirtschafts-Absolutismus?

Als Netzwerk global miteinander verkoppelter und in Echtzeit miteinander kommunizierender Computer tritt uns dieses System tatsächlich als nicht mehr veränderbare Naturgewalt ge­genüber – jeder menschliche Eingriff wäre eine Störung oder könnte seinen Absturz bedeu­ten. Wir stehen damit vor der perfekten ökonomischen Weltmaschine; sie ist die Erfüllung der utili­taristischen Verheissung, wonach wir genau dann, wenn wir bloss unser eigenes Glück vor Augen ha­ben, wenn wir bloss den eigenen Nutzen verfolgen, den gröss­ten Beitrag zum grössten Glück bzw. zum grössten Nutzen der grössten Zahl beisteuern. Der Preis ist aller­dings hoch: In dieser Version eines globalen Finanzsystems, vollständig von Maschinen bzw. künstlicher Intelligenz gesteuert und damit vollständig der Eigennutzenratio­nalität gehor­chend, haben wir Menschen aus Fleisch und Blut und Geist, d.h. als Individuen keinen Platz mehr, wir sind zur Funktion des Finanzsystems geworden, unsere Souveränität, unsere Frei­heit und Ver­antwortung haben wir an dieses delegiert – der perfekte „Wirtschafts-Abso­lutis­mus“; er ist der eigennützigen Wirtschaftsphilosophie inhärent.

„Mehr Freiheit – weniger Staat“

Zu dieser Schreckens-Vision gibt es eine menschenwürdige Alternative: William Wilberforce hat sie uns vorgelebt und Peter Sen­ge hat sie in die folgende Formel gegossen:

“Leadership beschäftigt sich damit, wie wir jene Zukunft gestal­ten, welche wir uns wirklich wünschen, statt so gut wie möglich mit Um­ständen umzugehen, die wir für unveränderlich halten.”

– möglicherweise eine Sichtweise, die uns hilft, uns in der Auseinandersetzung um Atom­ausstieg, Gesundheitswesen, Sozial­versicherung, Währungspolitik, Beziehungen zur Staa­tenwelt, Eurokrise etc. zu­recht zu finden und das in der langen Frist Richtige zu tun. Aller­dings: Leadership verlangt Mut, Weit­sicht und eine ethische Haltung, statt sich hinter ver­meintlichen oder vorgeblich un­veränderli­chen Marktgesetzen und wirtschaft­lichen Sach­zwän­gen zu verstecken.

Die wirkliche Herausforderung, vor welcher wir stehen, liegt nicht in der Dimension von „mehr Freiheit – weniger Staat“, sondern bei unreflek­tierten Denkzwängen und Dogmen in der Wirtschaftswelt selber (haben sie nun ihren Ursprung in vermeintlich natürlichen oder historischen Gesetzmässigkeiten). Sie sind die eigentliche Gefahr für unsere Freiheit und Verantwortung.

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Über businessculture

Mitgründer und Co-Leiter Management Zentrum Zug GmbH (Schweiz), Autor "Balanced Valuecard. Leistung statt Egoismus", Bern, 2010
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