Pragmatische Ethik – prosperierende Unternehmen

Copyright Dr.rer.pol. Heinrich Anker, Lyss

Was kostet Unternehmensethik wirklich?

Wann immer von Unternehmensethik die Rede ist, folgt der Einwand fast reflexartig: „Das kostet!“ Selbst viele jener Unternehmer, welche für ethische Belange offen sind, gehen da­von aus, es handle sich dabei um eine „Schönwetterveranstaltung“.

Es scheint, als sei der Gedanke, Unternehmensethik beeinträchtige die Ertragskraft von Un­ternehmungen a priori, wie eine Matrix in unser Gehirn eingebrannt. Allein: Erzielen tatsächlich jene Unternehmungen die höchsten Gewinne, welche die Ge­winnmaximierung über alles andere stellen? Sind wirklich diejenigen Unternehmungen die erfolgreichsten, welche ihren Erfolg um jeden Preis herbeiführen wollen?

Es wird immer evidenter, dass dies nicht so ist, denn Unternehmungen, welche das Ziel der Gewinnmaximierung verabsolutieren, den Erfolg über alles stellen, haben mit heiklen spezifi­schen, gewissermassen „hausgemachten“ Problemen zu kämpfen.

Der Preis verabsolutierten Strebens nach dem Gewinn-Maximum

Je höhere Renditen Investoren anstreben, desto höher ist das Verlustrisiko. Dieses versu­chen die Börsen zu minimieren, indem sie in immer kürzeren Zeitabständen Ausweise über die Erträge der Unternehmungen verlangen. Früher reichten Jahresberichte, es folgten Se­mesterausweise, und heute sind wir bei Quartalsreports. Auch diese werden aufgrund von sog. Gewinnwarnungen bald überholt sein.

Diese kurzfristige Sichtweise hat ihren Preis: Je kürzere Perioden wir betrachten, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass Ertragsausweise durch Sonderfaktoren mitgeprägt sind, die sich oftmals gar nicht richtig erklären lassen. D.h. je kürzere Perioden wir betrach­ten, desto stärker ist das Auf und Ab der Entwicklung. Einem Quartal mit einem Spitzen-Er­gebnis können deutlich flauere Quartale folgen. Unter dem Druck der Gewinnmaximierung ist dies für Anle­ger und für das Management Grund zur Besorgnis. Unter diesen Umständen kann die Ver­suchung gross werden, (allzu) rasch Gegensteuer zu geben, dann vielleicht noch einmal und noch ein weiteres Mal.

Ein solcher Zickzack-Kurs weckt bei den Mitarbeitenden Gefühle der Orientierungslosigkeit, der Angst und Verunsicherung. Jeder und jede versucht, sein eigenes Schäflein ins Trocke­ne zu bringen, es kann zu Spannungen und Konflikten kommen, und das frühere Miteinander droht immer mehr in ein Gegeneinander umschlagen.

Unternehmungen, in welchen die Mitarbeitenden mit sich selber, mit ihren Sor­gen und Ängsten befasst sind, verlieren die Kundschaft allmählich aus dem Fokus und driften Schritt um Schritt aus ihren Märkten.

Ein zweites Problem verabsolutierten Strebens nach dem maximalen Gewinn liegt in einem suboptimalen Investitionsverhalten: Unternehmungen, welche von Quartal zu Quartal ihre Erträge in einem immer noch besseren Licht darstellen müssen, laufen Gefahr, zu wenig langfristig zu investieren und zu schnell zu desinvestieren. D.h. sie streben nach hohen Ge­winnen heute auf Kosten von möglicherweise weit höheren Gewinnen in der Zukunft.

Als Roche vor 20 Jahren in die Gentechnologie investierte, löste dies bei gewissen Investo­ren und ihren Analysten Kopfschütteln aus – es sind jedoch genau jene mutigen Entschlüs­se, welche Roche die heutige ausserordentliche Ertragsstärke verschafften, und sie wird höchstwahrscheinlich noch lange anhalten.

Ein weltweit operierender Bauaustrüster hat sich, als in Argentinien und Russland Krisen herrschten, als einziger seiner Branche nicht zurückgezogen und die Kunden vor Ort nicht sitzen gelassen. Heute erleben diese Länder einen wirtschaftlichen Aufschwung; der besagte Bauausrüster war immer vor Ort, konnte seine Infrastruktur deshalb rasch wieder herauffahren und viel schneller als die Wettbe­werber expandieren. Was in den Krisenzeiten „draufgelegt“ wurde, ist längst wieder kompen­siert, und einen treueren Kundenstamm kann man sich wohl gar nicht vorstellen.

Zum selben Thema gehören Entlassungen von Mitarbeitenden allein aus kurzfristigen Er­tragskalkülen: Oft wird dabei – ganz abgesehen vom Umgang mit den Menschen – Know how zerstört, das später wieder mit viel Aufwand aufgebaut werden muss.

Ein dritter Punkt: Unternehmungen, welche das Ziel der Gewinnmaximierung über alles an­dere stellen, verursachen vermeidbare Kosten und schmälern auf diese Weise die Erträge der Anteilseigner. Ein Beispiel sind die aufwendigen Sanierungen von Chemiedeponien der Basler Pharma-Betriebe. Heute müssen riesige Summen aufgebracht werden, um die Ver­säumnisse derjenigen zu kompensieren, welche vor Jahrzehnten mit dem Ziel der Gewinn­maximierung nur gerade das Nötigste getan haben. D.h. die früheren Anteilseigner maxi­mierten ihre Gewinne auf Kosten der heutigen.

Dies zeigt, dass es den Anteilseigner nicht gibt, dass auch sie eine heterogene Gruppe mit ganz verschiedenen Interessenlagen sind. Maximen wie „Es ist die einzige Pflicht des Mana­gements, den Shareholder Value zu maximieren“ sind deshalb höchst irreführend – es wäre sofort zu fragen, für welche Shareholder der Value zu maximieren wäre. Ebenso ist das scheinbar selbstverständliche Postulat, Unternehmungen hätten keine andere Aufgabe, als den Gewinn zu maximieren, völlig inhaltsleer – es wäre sofort nachzufragen, ob es sich um den Gewinn heute, morgen oder übermorgen handelt, ob es begrenzter Gewinn heute oder höherer in der Zukunft sein soll.

Ein weiter Aspekt des Themas „unnötige Kosten“: Unternehmungen, welche die Gewinnma­ximierung über alles andere stellen, leben eine Kultur des Eigennutzens. Es ist fast unaus­weichlich, dass dies auch eine Kultur des Misstrauens ist: Die Anleger müssen davon aus­gehen, das Management maximiere seinen Nutzen auf Kosten desjenigen der Anleger, das Management geht in einer solchen Kultur davon aus, die Mitarbeitenden trachteten nach nichts anderem als der „Null-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich“, die Kunden haben das ungute Gefühl, instrumentalisiert zu werden, etc. etc. In solchen Unternehmun­gen wird der Ruf nach Corporate Governance sehr rasch sehr laut. Entsprechende Instrumente wer­den denn auch mit viel Aufwand eingeführt und betrieben. Sie verursachen nicht nur direkt hohe Kosten, sondern auch dadurch, dass sie die Führbarkeit von Unternehmun­gen beein­trächtigen. Eine Kultur des Vertrauens wäre demgegenüber für alle Beteiligten ein Vorteil.

Ein dritter Aspekt unnötiger Kosten: Unternehmungen mit dem obersten Ziel „Gewinnmaxi­mierung“ laufen besonders Gefahr, gegen wirtschaftliche und gesellschaftliche Normen zu verstossen und so in den Medien und der Öffentlichkeit negative Schlagzeilen zu provozie­ren. Ein anschauliches Beispiel ist grösste schweizerische Kantonalbank im Falle Sulzer, ein anderes ein grosser Computerhersteller, nachdem dort vier Jahre lang die Quartalsreports zuhanden der Wall Street geschönt worden sind.

In diesem Zusammenhang wird von sog. „Reputationsrisiken“ gesprochen. Als „Gegengift“ gelten Aktivitäten im Bereich der Corporate Social Responsibility. CSR, die sich allein mit Re­puta­tionsrisiken legitimiert, ist jedoch nichts anderes als eine moderne Form des Ablass­han­dels: Er kostet immense Summen, aber die Zeit im Fegefeuer wird deswegen nicht kür­zer – im Gegenteil, d.h. so verstandene CSR ist ökonomisch sinnlos.

Wenn wir Bilanz ziehen, wird klar: Das Streben nach Erfolg um jeden Preis kann teuer wer­den: Wir sind auf Investitionsprobleme gestossen, auf Kostenprobleme, auf Orientierungs­probleme und auf Motivationsprobleme – Stichwort: Angst. Schon aus rein ökonomischem Kalkül erscheint es sinnvoll, nach Alternativen zum alleinigen Streben nach möglichst hohen Gewinnen Ausschau zu halten.

Die Grundrisse einer pragmatischen Unternehmensethik

Welches wäre die Alternative? Was liesse sich der Gewinnmaximierung mit ihren Scheu­klappen und allen ihren wirtschaftlich negativen Auswirkungen entgegensetzen?

Kernpunkt eines Alternativkonzepts, welches sich als „pragmatische Unternehmensethik“ bezeichnen liesse, ist der Blick fürs Ganze.

Sicher, wir Menschen sind Egoisten, aber gerade die moderne Hirnforschung hat eindrück­lich belegt, dass die Menschen nicht ausschliesslich auf ihren Eigennutzen fixiert sind, dass sie vielmehr fähig und willens sind, auch die Bedürfnisse jeweils Anderer zu berücksichtigen, sich in die Situation anderer Menschen zu versetzen. Diese Fähigkeit zur Empathie gehört zu den Wesenseigenschaften der Menschen und muss ihnen nicht aufoktroyiert werden.

Dies hat bedeutende ökonomische Konsequenzen. U.a. besagt dies, dass nicht nur ein ho­her Lohn, Prestige, Macht und Besitz die Menschen motivieren, sondern auch der Austausch mit andern Menschen, das Gefühl, für Andere etwas tun zu können, für andere wertvoll zu sein, so auch im Team oder in der Abteilung einer Unternehmung, gegenüber den Kunden oder gegenüber einem grösseren Kreis von Menschen, welche aus den Produkten und Dienst­leistungen der Unternehmung direkt oder indirekt einen Nutzen ziehen können.

Victorinox, Hersteller des legendären Schweizer Offiziersmessers, lebt ein Leitbild aus einem einzigen Satz: „Das Bestreben, unseren Mitmenschen auf der ganzen Welt mit prakti­schen, funkti­onstüchtigen und preiswerten Qualitätserzeugnissen zu dienen, gibt un­serem Leben einen tieferen Sinn sowie Freude und Befriedigung bei der Ar­beit.“

Wer solches von sich sagen kann, hat das Gefühl, zu etwas Positivem beizutragen, etwas Positives bewirken zu können, und empfindet seine Arbeit als sinnvoll: Sie vermittelt Selbst-Wert, ja sogar das Gefühl der „Lebenswertigkeit“, das Gefühl, dass das eigene Leben einen Wert hat. Wie wichtig dies ist, wird uns klar, wenn wir uns vor Augen halten, welch grossen Anteil unseres Lebens die Arbeit ausmacht.

Wer unter diesen Bedingungen an die Arbeit gehen kann, ist hoch motiviert, und – ganz ent­scheidend – diese Motivation ist auch dann noch wirksam, wenn es einer Unternehmung einmal so schlecht gehen sollte, dass niemand mehr nur im Entferntesten an Gewinn, an hö­here Löhne oder an Erfolgsprämien denken mag.

Diese motivationalen Kräfte und Energien können sich dann in und durch eine Unterneh­mung entfalten, wenn diese den Nutzen ihrer Kunden und des grösseren gesellschaftlichen Ganzen an die erste Stelle setzt, nicht die Maximierung des Gewinns.

Damit ist das Gewinn­prinzip keineswegs infrage gestellt, aber für die nachhaltige Ertrags­stärke einer Unternehmung ist es von grundlegender Bedeutung, ob die Ge­winnmaximie­rung an sich das oberste Ziel einer Unternehmung ist oder ob der Gewinn als Resultat vorher er­brachter Leistungen er-folgt – wie es der Ausdruck „Er-Folg“ impliziert.

Solche leistungsorientierten Unternehmungen sind mehr als bloss „Geldmaschinen“. David Pa­ckard, Mit­gründer des Weltkonzerns Hewlett-Packard, sagte 1960: „Viele Menschen neh­men – fälschlicherweise – an, eine Unterneh­mung diene nur dem Zweck, Geld zu machen. Dies ist zwar ein wichtiges Ergeb­nis der Existenz eines Unternehmens, die wirklichen Gründe für die Daseinsbe­rechti­gung unseres Unterneh­mens liegen aber tiefer: Wenn wir dieser Frage nachgehen, kom­men wir unausweichlich zum Schluss, dass sich Menschen zu­sam­menfin­den und ein Unterneh­men bilden, um gemeinsam etwas zu­stande zu bringen, wozu sie allei­ne nicht fähig gewesen wären – sie erbringen eine Leis­tung gegen­über der Ge­sellschaft, eine Bemer­kung, die abge­droschen klingt, aber sie ist fundamental.“

Ein recht anschauliches – pragmatisches – Beispiel aus unseren Breiten bietet Knorr mit der Erfindung der schnell-kochenden Suppen auf Pulver-Basis. Sie kamen knapp nach dem Ende des 2. Weltkrieges auf den Markt, sie waren nicht sehr teuer, nahrhaft und recht be­kömmlich. Dies freute die Kunden als Konsumenten. Gleichzeitig leistete Knorr auf diese Weise einen wichtigen Beitrag zur da­maligen Ernährungslage – sie war sehr karg – und da­mit wiederum einen Beitrag an die Gesundheit der Menschen im Land. Zudem sank die für die Beschaffung und Aufbe­reitung von Nahrungsmitteln benötigte Zeit um einiges und konnte für andere Arbeiten ge­nutzt werden, z.B. in der Industrie, dem wichtigsten Wachstumsmotor der damaligen Zeit.

Auf diese Weise stiftete Knorr nicht nur einen unmittelbaren individuellen Kundennutzen, sondern wurde zu einem kleinen, aber wichtigen Rädchen in unserer Wirtschaft und Gesell­schaft – und das Geschäft florierte! D.h. Knorr gelang es, seine wirtschaftliche Wert-Schöpfung mit einer gesellschaftlichen Werte-Schöpfung – Ernährung, Gesundheit, wirt­schaftliches Wachstum – in Einklang zu bringen. Dies ist der Grundgedanke des Konzepts einer pragma­tischen Unternehmensethik.

Facetten der pragmatischen Unternehmensethik

Eine pragmatische Unternehmensethik beginnt bei den Menschen: Was immer Unter­nehmen tun, was immer in Unternehmen geschieht – es sind Menschen, welche Entscheide fällen, und diese treffen früher oder später immer auch Menschen.

Aus diesem Grunde beginnt eine pragmatische Unternehmensethik bei den Mitarbeitenden: Sie werden als Individuen gesehen und respektiert und nicht bloss als gesichts- und na­menlose Masse, nicht bloss als „Human Resources“ oder gar bloss als Kostenstellen.

Vielleicht müssen wir eine Stelle auch aufheben im Wissen, dass dadurch ein Familienvater arbeitslos wird. Im Bewusstsein und im Respekt vor ihm als Mensch gehen wir jedoch bei ei­nem solchen Entscheid mit ganz anderer Umsicht, Sensibilität und Hilfsbereitschaft um, als wenn es nur darum ginge, mit einem Federstrich Kostenstellen zu streichen.

Es kann aber z.B. auch so tönen: „Thomas Gehring“ – Vater eines todkranken Kin­des – „war froh, dass sein Arbeitgeber, die Könizer Maler- und Gipserfirma Nuss­baum, immer wieder Verständnis zeigte, wenn er auch während der Arbeitszeit für seinen Sohn da sein musste“, so gelesen in „Der Bund“ vom 3. März 2007.

Solche Entscheide lassen sich nicht mit dem Lehrbuch lernen, auch nicht im Philosophie-Unterricht und auch nicht beim Durchexerzieren von Fallbeispielen: Eine pragmatische Un­ternehmensethik ist nicht eine Frage des Wissens, sondern des Gewissens; eine pragmati­sche Unternehmensethik beruht auf der gelungenen Synthese von Denken, Fühlen und Handeln.

Die 2. Facette pragmatisch-ethischer Unternehmungen: Sie verhalten sich wie „gute Bürger“: Mitarbeitende, Kunden, Lieferanten etc. sprechen mit ihren Angehörigen, mit Freunden, Ge­schäftspartnern und Bekannten über ihre Erfahrungen in und mit Unterneh­mungen. Und je besser diese Erfahrungen sind, desto mehr spricht sich dies herum. Die Unternehmung wächst auf diese Weise wie ein gut beleumundeter Bürger immer weiter in das Geflecht der Gesellschaft hinein, ihr Name strahlt aus.

Auf eine solche Unternehmung sind die Mitarbeitenden stolz, sie betrachten sie auch als ihre eigene und fühlen sich mit verantwortlich. Die Wirkung auf die Motivation liegt auf der Hand. Der gute Ruf einer Unternehmung, ihre Reputation, verschafft ihr viel Goodwill, und dieser wie­derum ist unmittelbar von wirtschaftlichem Wert und verschafft Vorteile. So z.B. wenn es darum geht, eine Bewilligung zu erhalten, z.B. eine Baubewilligung oder Ladenöffnungszei­ten; solche Unternehmungen erreichen auch eher Konzessionen seitens der Gewerkschaf­ten und besitzen wichtige Vorteile bei der Rekrutierung hoch qualifizierter Arbeitskräfte. 1988 legten gemäss einer Umfrage ca. 20% der Mitarbeitenden Wert auf den guten Ruf ihres Ar­beitgebers, 2001 waren es bereits gegen 50% (Instut d&s Zürich). Und Goodwill kann buchstäblich Unterneh­mens-Leben ret­ten: Als es im Jahre 2001 Sulzer sehr schlecht ging, erhielten die Aktionäre eine unter den damaligen Bedingungen faire Offerte. Sulzer wurde jedoch nicht verkauft und in Einzelteile „fi­lettiert“, die Aktionäre gaben die Unternehmung nicht auf. Immer wieder konnte man hören: „Sulzer gehört zu Winterthur!“ D.h. Sulzer wurde und wird nicht bloss als „Fabrik“ betrachtet, sondern als Teil eines grösseren gesellschaftlichen Ganzen, welches diese Unternehmung wesentlich mit geprägt hat. Mittlerweile hat sich Sulzer bestens erholt, und heutige Über­nahme-Szenarien stehen unter einem ganz andern Stern.

Was macht eine Unternehmung zu einem „guten Bürger“? Drei Aspekte sind wichtig:

–   Für die Mitarbeitenden und ihr unmittelbares gesellschaftliches Umfeld zählt besonders, dass die Arbeit frei ist von Unfall- oder Krankheitsrisiken, dass im wahrsten Sinne des Wortes ein „gesundes Arbeitsklima“ herrscht.

–   Zweitens geht eine solche Unternehmung schonend mit der Umwelt um, in der sie ope­riert und in der die Mitarbeitenden, vielleicht auch Kunden und Anteilseigner leben.

–   Ein weiterer gesellschaftlich wie ökonomisch hoch relevanter Wert ist ein allgemein nach­haltiger Umgang mit allen Ressourcen. Nachhaltigkeit ist eine der Grundlagen einer langfristigen Existenz einer Unterneh­mung und damit auch sicherer Arbeitsplätze – dies ein drittes Merkmal von Unternehmungen als „guten Bürgern“.

Ricola lebt ein entsprechendes Leitbild: „Für Ricola darf geschäftlicher Erfolg nicht Selbst­zweck sein, vielmehr soll er dazu dienen, Ver­antwortung gegenüber den Mitar­beiterinnen und Mitarbeitern, der Gesellschaft und der Umwelt wahrzunehmen. Die Firmen­philosophie umfasst demnach wirtschaftliche und nicht wirtschaftliche As­pekte. Letztere kon­kretisieren sich unter anderem in der Erhaltung und Förderung kultureller Werte. Als natur­verbundenes Unternehmen legt Ricola grössten Wert auf exzellente Qualität der Rohstoffe. So stammen die zu ver­arbeitenden Kräuter aus­schliesslich aus kontrolliert umweltschonen­dem Anbau. Sol­che Kräuter sind nicht nur aromatischer, sondern besitzen auch eine innere Kraft: Die stärkende Kraft der Na­tur.“

Hier manifestiert sich Corporate Social Responsibility, die sich nicht aus Reputationsrisiken herleitet, sondern aus dem Bewusstsein gesellschaftlich mitverantwortlichen Unternehmer­tums. Erst unter dieser Voraussetzung ist Corporate Social Responsibility nicht bloss ein Aufwandposten, sondern eine echte Investition mit anhaltender positiver ökonomischer und zugleich ausserökonomischer Wirkung.

Die dritte Facette pragmatischer Unternehmensethik sind Wahrhaftigkeit, Fairness und Em­pathie: Die Menschen haben ein feines Sensorium, ob das, was gesagt wirklich auch getan wird. Wer die Dinge beim Namen nennt und entsprechend handelt, ist als Führungs­kraft glaubwürdig und geniesst viel Vertrauen. Nicht zuletzt dank seiner Offenheit, dank sei­ner Wahrhaftigkeit ist es z.B. Jürgen Dormann gelungen, ABB zusammen mit Kader und Mitarbeitenden wieder flott zu machen und auf den Pfad der Prosperität zu führen.

Zeichen von Wahrhaftigkeit könnte auch sein, dass CEO und Kader im Falle einer Krise ihre Löhne nicht weniger reduzieren als diejenigen der Mitarbeitenden. Hier ist auch Fairness mit im Spiel, d.h. die Fähigkeit, zwischen „mir und dem Andern“ abzuwägen. Dies wiederum setzt den Willen voraus, sich in die Schuhe der Andern zu stellen, die Welt aus ihren Augen zu sehen, d.h. Empathie.

Facette Nr. 4 einer pragmatischen Unternehmensethik: Sie macht Unternehmungen hoch in­novativ, evolutionär-anpassungs- und überlebensfähig: Unternehmungen, in welchen der Respekt vor den Menschen, wo Fairness und Empathie gelebt werden und der Kundennut­zen an erster Stelle steht, bringen diese Kultur auch nach aussen positiv zur Wirkung: Sol­che Unternehmungen sind in besonderem Masse fähig, die Welt durch die Augen der Kun­den und aus der Perspektive des grösseren gesellschaftlichen Ganzen zu sehen und zu ver­stehen.

Solch pragmatisch-ethische Unternehmungen operieren sehr nahe bei ihren Kunden und ih­rem gesellschaftlichen Umfeld. Dies wiederum versetzt sie in die Lage, einen beson­ders ho­hen Nutzen für ihre Kunden und ihr Umfeld zu stiften.

Zufriedene Kunden, hoch motivierte Mitarbeitende, eine hohe Reputation – dies sind Fakto­ren, welche untereinander eine enge positive synergetische Wirkung entfalten und einer Unternehmung zu einem lang anhaltenden Höhenflug verhelfen können. Der Erfolg wird nicht ausbleiben und er wird dieses synergetische System wie eine zusätzliche Stufe auf eine nochmals grössere Flughöhe bringen.

Dies ist das Erfolgsrezept von Schurter : „Schurter för­dert Freude und Spass an der Arbeit und befähigt die Mitarbeiten­den zu Spitzenleis­tungen nach dem Motto: ‚Herausforderungen sind Chancen.’“ Eine solche Haltung macht es möglich, dass die Mitarbeitenden und die Unternehmung gemeinsam wachsen.

Eine fünfte und letzte Facette pragmatischer Unternehmensethik ist die Kommunikation. Menschen sind durch und durch kommunikative Wesen. Kommunikation ist gegenseitige Anerkennung, Gewissermassen die reziproke Bestätigung, dass wir als Individuum, als Per­sön­lichkeit wahrgenommen werden. (Mobbing ist deshalb so zerstörerisch, weil es den je­weiligen Opfern die Anerkennung als Mensch vorenthält; sie sterben einen sozialen Tod).

Ein Unternehmer kann sich mehr oder weniger von den Mitarbeitenden abschotten und mit ihnen via seinen Mitarbeiterstab und via e-Mail und Intranet kommunizieren. Es gibt aber auch Unternehmer, welche vor dem Gang in ihr Büro durch die Produktionshallen schreiten, sich anschauen, was die Mitar­beitenden tun, und mit ihnen ins Gespräch kommen. Vielleicht geht es dabei nicht immer ausschliesslich um die Arbeit, sondern möglicherweise auch ein­mal um das Wohlergehen der Familie des Mitarbeiters oder wie es im Hobby läuft. Stil ver­raten Vorgesetzte auch, wenn sie als erste die Mitarbeitenden grüssen; auf diese Weise senken sie die Kommunika­tionsschwelle und zeigen Gesprächsbereitschaft und echtes Inte­resse. Nichts motiviert die Mitarbeitenden mehr als das Gefühl, sie selber und ihre Arbeit seien etwas wert!

Kommunikation bedeutet keinesfalls immer nur Lob. Menschen haben ein feines Gespür dafür, wenn solches nur aus „taktischen“ Gründen verteilt wird. Anerkennung ist wichtig, aber sol­che können wir auch erfahren, wenn wir mit Kritik konfrontiert werden, solange sie sich auf die Sache und nicht auf uns als Person bezieht. In diesem Falle können wir an der Kritik wachsen, uns an ihr weiter entwickeln. Das Stichwort lautet „Fördern durch Fordern“.

Kommunikation verlangt offene Ohren, offene Türen und die Bereitschaft zum Dialog in bei­den Richtungen: Von oben nach unten, aber genau gleich von un­ten nach oben. Auf diese Weise können sich ganz spezifisches Wissen und wertvolle Erfah­rungen in der Unterneh­mung verbreiten und zu einer messbar höheren Produktivität, Qualität und Kundenfreund­lichkeit der Produkte und Dienstleistungen führen, d.h. zu einer höheren Innovationskraft.

Kommunikation schafft Gemeinsamkeit, vermittelt das Gefühl der Zugehörigkeit und weckt das Bewusstsein persön­licher Mitverantwortung für das grössere Ganze.

Nicht zuletzt dank seiner offenen Kommunikation ist es einem bekannten Schweizer Waschmaschinen-Hersteller gelungen, seine Produktionskosten um 25% und die Wartungs­kosten bei den Kunden um einen noch viel höheren Prozentsatz zu senken. Die Hälfte die­ses Fortschritts ging auf das Konto der Forschungs- und Entwicklungsabteilung, die andere ergab sich aus Ideen von Mitarbeitenden.

Pragmatischen Unternehmensethik – auch aus ökonomischen Überlegungen ein Must

Saldieren wir die Konten der pragmatischen Unternehmensethik einerseits, der Gewinnma­ximierung als oberstem Unternehmensziel anderseits, zeigt sich: Eine pragmatische Ethik verschafft Unternehmungen wichtige Ressourcen:

–   Die Motivation der Mitarbeitenden ist hoch.

–   Die Kundenbindung ist stark.

–   Der Goodwill in der Gesellschaft ist gross.

–   Die Innovationskraft und Anpassungsfähigkeit sind ausgeprägt.

–   Der Umgang mit den Ressourcen und die Investitionen sind nachhaltig.

–   Der Geist der Zusammenarbeit auf gemeinsame Ziele hin ist lebendig.

Unter diesen Voraussetzungen ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Unternehmung auch hohe Erträge erwirtschaftet, gross. Der entsprechende Erfolg befeuert das synergetische Zu­sammenwirken aller dieser Faktoren wie ein Turbolader zusätzlich.

Die Bilanz ist klar: pragmatische Unternehmensethik, der Blick fürs Ganze, ist für einen an­haltenden wirtschaftlichen Erfolg einer Unternehmung unverzichtbar; eine pragmatische Un­ternehmensethik bringt in der langen Frist gegenüber dem Konzept einer verabsolutierten Gewinnmaximierung nicht nur den Anteilseignern einen Mehrwert, sondern auch den Kun­den, den Mitarbeitenden und der Gesellschaft.

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Neoliberalismus: Heilslehre unter dem Deckmantel der Wissenschaft

Essay

Dr.rer.pol. Heinrich Anker, Lyss

Der Mensch – nur Natur?

Generationen von Wirtschaftsstudenten bekamen und bekommen es noch heute zu hören: Das ultimative Motiv unseres individuellen Handelns sei das Verfolgen des eigenen grösst­möglichen Nut­zens. Wer dies tue, trage zum grössten Nutzen der grössten Zahl bei. Dieses Kern-Credo der neoliberalen Wirtschaftslehre wird mit dem Hinweis bekräftigt, die Verfolgung des eige­nen Nutzens sei ein universelles Phänomen, auch Tiere und Pflanzen gehorchten diesem Prinzip.

Wenn nicht nur die Menschen, sondern auch Tiere und Pflanzen nach dem grösstmöglichen Eigennutzen streben, heisst dies: Das neoliberale Wirtschaftskonzept basiert nicht auf dem Humanen, sondern auf einem Natur-Prinzip – der Mensch wird auf das Natürliche reduziert; das „gewisse Etwas“ des Menschen wird ausgeklammert: die Kultur als Universum der Sym­bole, der Werte, Sitten, Bräuche, von Sinn und Ästhetik, der Sprache als Mittel ge­genseitiger Interaktion, der Quelle der Kreativität, der Innovation etc. Dies bedeutet u.a. dass die „Men­schen“ des Neoliberalismus nicht spre­chen können und unfähig sind, sich untereinander zu verständi­gen, sich zu vertrauen, sich neu zu orientieren.

Im Einklang mit der Beschränkung auf das Natürliche versteht sich der Neoliberalismus als Natur-Wissenschaft und versucht, seine Erklärungen und Prognosen in Gesetze von quasi-naturge­setzlicher Präzision zu fassen. Es gilt deshalb nur, was messbar und zählbar ist.

Die neoliberale Ökonomie als Kosmologie sui generis

Einen Einblick in dieses Denken gewährt uns Hermann Heinrich Gossen (1810-1858), einer der Vordenker eigennützigen Mathematisierens: „Was ei­nem Ko­pernikus zur Erklärung des Zusammenseins der Welten im Raum zu leisten gelang, das glaube ich für die Erklärung des Zusam­menseins der Menschen auf der Erd­oberfläche zu leisten. (…) Und wie die Ent­deckun­gen jenes Mannes es möglich machten, die Bah­nen der Weltkörper auf unbe­schränkte Zeit zu bestimmen; so glaube ich mich durch meine Entdeckungen in den Stand gesetzt, dem Men­schen mit un­trüg­licher Si­cher­heit die Bahn zu bezeichnen, die er zu wan­deln hat, um sei­nen Lebens­zweck in voll­kommenster Weise zu errei­chen.“

Wenn uns jemand mit naturgesetzlicher Präzision die Bahn vorgibt, auf der wir im Kosmos der Güter und Dienstleistungen zu kreisen haben, bezahlen wir dafür mit unserer Freiheit und Verantwortung – als Konsumenten wie als Unternehmer.

Haben die Wirtschaftssubjekte vollständige Voraussicht?

Wo es keine Freiheit und keine Verantwortung gibt, existiert auch kein freier Wille. Und tat­sächlich: „Ich will!“ gibt es in der Natur und im Neoliberalismus nicht, sondern nur: „Meine In­stinkte und psychischen Impulse treiben mich dazu,…“ Tiere und Pflanzen und der „Mensch“ des Neoliberalismus, der sog. homo oeconomicus, reagieren nur auf das, was ih­nen ihre In­stinkte und Triebe aufgrund von aktuellen Reizen ihrer Umwelt „befehlen“. Sie leben aus­schliesslich im Hier und Jetzt und setzen sich nicht bewusst und willentlich Ziele in der Zu­kunft: Die Natur und mit ihr der homo oeconomicus kennen keine Zeit – von daher letztlich die Kurzfristigkeit im neo-liberalen Denken.

Der reale Mensch ist hingegen immer mit der Dimension der Zeit konfrontiert: Er muss dau­ernd abwägen, z.B. zwischen Sparen heute und Konsum morgen oder einer Zigarette heute und möglichem Lungenkrebs morgen. Dieser Widerspruch zwischen der zeitlosen Welt des homo oeconomicus und der realen Welt versucht der Neoliberalismus zu überbrücken, in­dem er postuliert, die Wirtschaftssubjekte hätten vollständige Voraussicht. Dies ist die erste von zwei zentralen Randbedingungen neoliberalen Denkens: Unter der Bedingung vollstän­diger Voraussicht implodiert die Zeitachse des realen Men­schen zu einem einzigen Zeit-Punkt – sie schrumpft zum Hier und Jetzt der Welt des homo oeconomicus.

Hinter dem Postulat der vollständigen Voraussicht steht als weitere Bedingung, alles sei Ökonomie, alles habe heute einen Preis – auch das in der Zukunft erlittene Leid eines Lun­genkrebses. Nur so lässt sich die Zukunft gegenüber der Gegenwart aufrechnen bzw. der zukünftig mögliche Lungenkrebs in Franken und Rappen auf heute „ab­diskontieren“.

Reagieren alle Wirtschaftssubjekte unendlich schnell?

Wer seinen Nutzen gemäss neoliberalem Wirtschaftskonzept maximieren will, benötigt nicht nur vollständige Voraussicht, sondern auch vollständige Markttransparenz – nur wer in Kennt­nis aller Dinge entscheidet, vermeidet Fehlentscheide und kann „rational“ handeln.

In der realen Welt ist eine vollständige Transparenz von Märkten aus verschiedenen Grün­den unvorstellbar. Aber auch dafür hat der neoliberale homo oeconomicus eine Lösung pa­rat. Das zweite zentrale Postulat des Neoliberalismus lautet: Wenn alle Wirtschaftssubjek­te auf Veränderungen der Marktbedingungen unendlich schnell reagieren, durchlaufen Impulse den ganzen Markt in Ist-Zeit, in „real time“. Damit wäre der Markt voll­ständig und dauernd transparent. (Ein Sardinen-Schwarm, der dauernd seine Richtung ändert, ohne dass die ein­zelnen Fische zusammenstossen, vermittelt ein recht gutes Bild dieser Vorstellung.)

Der hochgradig informatisierte Finanzmarkt kommt diesem neoliberalen Ideal näher als alle andern Märkte:

–   Er ist weltumspannend dicht vernetzt.

–   Informationen verbreiten sich weltweit beinahe „real time“.

–   Transaktionen können weltweit in Sekundenschnelle vollzogen werden und sind heutzu­tage zum Teil auch automatisiert.

–   In einem transparenten Markt steht das einzelne Wirtschaftssubjekt immer dem Gesamt­markt gegenüber und kann ihn deshalb nur marginal beeinflussen; der Finanz­markt führt ein Eigenleben, er hat sich gegenüber den Wirtschaftssubjekten weitgehend verselb­ständigt – wie eine Naturgewalt (eine neoliberale selffulfilling prophecy!).

Das Finanzsystem – Vorzeigemarkt des Neoliberalismus

Der Finanzmarkt war deshalb lange Zeit der Vorzeige-Markt der neoliberalen Schule. Darin liegen je­doch gleichzeitig die Gründe für seinen globalen Zusammenbruch: Als sich in den USA die vollständige Voraussicht und Transparenz als Irrtum erwiesen (die Immobilien­preise stiegen nicht mehr wie vorausgesehen und die Rating-Agenturen lieferten geschönte Daten), war der globale Kollaps vorge­zeichnet und eine weltumspan­nende Panik unvermeidlich.

Im Gegensatz zu neoliberalen Erklärungsversuchen ist der Finanzmarkt nicht an einer politi­schen Überregulierung gescheitert – es gab und gibt wohl keinen Markt mit einem unkontrol­lierbareren Eigenleben als diesen –, sondern an seinen eigenen unrealistischen Funktions­voraussetzun­gen der voll­ständi­gen Voraussicht und Transparenz sowie dem damit verbun­denen Credo der Maximierung des Eigennutzens. Nun hat auch das globale Finanzsystem seinen Eisberg gefunden.

Kein robustes Finanzsystem ohne Verständigung und Vertrauen

Es führt kein Weg an der Erkenntnis vorbei: Allein auf dem Natur-Prinzip der Eigen­nutzen­maximierung lässt sich in Gesellschaften realer Menschen kein robustes Finanz- und Wirt­schaftssystem aufbauen. Eine gewisse Voraussicht im sozialen und so auch im ökono­mi­schen Leben können nur kulturelle Errungenschaften wie Werte, Normen, gegenseitige Ver­ständigung und daraus entstehendes Vertrauen gewährleisten – sie machen menschli­ches Handeln zu einem gewissen Grade voraussehbar, d.h. „berechenbar“ und transparent. Dazu ist der homo oeconomicus jedoch nicht in der Lage: Als Naturwesen kann er nicht sprechen, sich nicht mit andern verständigen und auch kein Vertrauen aufbauen – er ist eine autisti­sche Monade.

Die Konsequenz: Solange der Finanzsektor neoliberal „tickt“, werden auch die höchsten Re­kordgewinne der Banken bei den Kunden kein Ver­trauen schaffen und wird er allen bisheri­gen Krisen zum Trotz seinen Ei­gennutzen weiterhin im Hier und Jetzt, d.h. in der kurzen Frist, maximieren wollen – keine guten Vor­aussetzungen für ein investitions- und wachs­tumsfreundliches Wirtschaftsklima: Substanzielles entsteht nur auf der Grundlage langfristi­gen Denkens und Handelns.

Die „neoliberale Weltmaschine“

Die eigennützige Motivationstheorie und die damit verbundenen Postulate der vollständigen Voraussicht und Transparenz sind so lebensfremd (und wis­senschaftlich so veraltet), dass die­ses System in der Realität immer wieder abstürzt. Allein: Die neoliberale Schule sieht dies anders. Sie lässt nicht von ihrer Lehre ab; sondern will im Gegenteil die realen Menschen in ihr Sys­tem hin­ein zwingen. So disqualifiziert die neoliberale Wirtschaftslehre Menschen, die nicht nur nach dem eige­nen Nut­zen streben, als „irrational“ oder als „Gutmenschen“.

Setzen wir für einen Moment die neoliberale Brille auf: Alle Wirtschafts­subjekte sind mitein­ander vernetzt, reagieren in vollständiger Vor­aus­sicht und unendlich schnell. Daraus ergibt sich ein Kon­strukt, in welchem nicht mehr zwischen Indivi­duen und Gesamt­system zu unter­scheiden ist – die Indi­viduen lösen sich im umfassenden grossen Gan­zen auf. Dies ist die Blaupause einer „ökonomischen Welt­maschine“, in welcher sich die Mission des Neolibe­ra­lismus erfüllt: Indi­viduelles Eigen­nut­zenstreben und der grösste Nut­zen des grossen Ganzen fallen zusam­men! Individuen gibt es in diesem System nicht mehr.

Dies ist keine böswillige Interpretation des Neoliberalismus. John Stuart Mill, einer der ein­flussreichsten utilitaristischen Philo­sophen und Ökonomen des 19. Jahrhunderts, hat dieses Utopia, diese Vision in seinem Werk „Utilita­rismus“ selber vorgezeichnet: “Das soziale Leben ist auf ein­mal so natürlich, so notwendig für die Men­schen und es scheint ihnen so normal, dass sie sich nie anders als Glieder eines Körpers verstehen.“

Hinter dem quasi-naturwissenschaftlichen Anspruch des Neoliberalismus werden die Kon­tu­ren einer materialistischen, fundamental unliberalen Heilslehre sichtbar, in wel­cher der ewige Widerstreit (das „Böse“ in der Welt) zwischen individuellem Eigennutzenstreben einer­seits und grösstem Nutzen des grossen Ganzen anderseits für immer überwunden ist: In Je­remy Bentham, zusammen mit John Stuart Mill der einflussreichste Protagonist utilita­risti­schen Wirtschaftsdenkens und -handelns, sah Peter F. Drucker den „gefährlichsten aller libe­ralen Totalitaristen“, „welcher tausend Ideen hatte, die Welt um ihres eigenen Guten wil­len zu versklaven“ – der Neoliberalismus als Inbegriff des Gutmenschentums, als univer­selle Heilslehre.

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